Sonntag, 12. April 2015

Kollision


Ich suche und meine. Frage vermessend.
Raum und Zeit dabei mich bemessend.

Um mich Gesichter, geschäftiges Treiben.
Müde Gedanken, in sich zurückbleibend.

Von sich, auf mich. Zieht sie den Schluss.
Ängstliche Welt. Wütend ihr Kuss.

Was brauchst du jetzt noch von mir?
Ohnmächtig knie ich schon vor dir.

Dienstag, 17. März 2015

Ich träume. Also bin ich.

„Wenn sich Wahrheit und Traurigkeit über ein Herz legen, überkommt die Seele ein großes Verlangen.“ – G. D. Roberts  

Sonntag, 8. Februar 2015

Wahnsinnig geträumt



Rauschend streicht der Herbstwind durch die sich beständig auf und nieder beugenden Felder.
Unter der Diktion des Windes wogt in einem lethargischen, verschlafenen Rythmus und in braunrotgelbverströmten Farben miteinander verwoben ein Meer von Baumwipfeln des die Felder umbrandenden Waldes.
An diesem Tag wirkt die Präsenz der Natur eigentümlich eindringlicher als sonst. Der Eindruck beschleicht mich, ich hätte auf meinem Weg querfeldein, den Wald ansteuernd, allmählich einen eigenen Raum und eine fremde Zeit verfließend betreten.
Der Wald nähert sich Schritt für Schritt meinem Mich, welches zunehmend in Ich-Vergessenheit und Passivität gerät. Mein Blick wechselt zunächst noch umherschweifend von meinen Schuhspitzen, den sich seitlich von mir ausbreitenden Feldern bis hin zu dem an Größe gewinnenden, gegenüberliegenden Wald. Zunehmend jedoch löst sich das Geräusch meiner Tritte in der Luft auf, das Rascheln der Felder verschwindet hinter dem Horizont; und mein Blick haftet immer beflissener und fester, als wäre er eingefangen worden, gerade aus gerichtet an dem, von einem melancholischen, pulsierenden Himmel umwölbten, frühabendlichen Herbstwald.
Wenn man aufmerksam genug hinsieht, dann bemerkt man, wie sich unscheinbar, schleichend, in gewissen verschwommenen Zeitabständen, Blatt um Blatt von ihren Ästen, alswie ein Schimmer von Existenz um Existenz von ihren Essenzen losstößt und geräuschlos zu Boden gleiten lässt.
Ich spüre wie der Wind meine Fingerspitzen und mein Genick entlangstreicht.
Zunächst unnahbar und verschleiert, doch nun zunehmend deutlich beginnt mir der Wind verblassende Wortfetzen zuzuflüstern. Unvorbereitet und erschrocken über diese unmögliche Stimme im Wind verlangsame ich meinen Gang, verliere meinen Blick in der Suche nach einer möglichen Stimmquelle, stehe schließlich verhalten da.
Ich bin alleine, und doch fühle ich in brechender Intensität, wie sich mir ein uralter Sinn brennend auferlegt.

>> ...Verwerfe nicht deine träumende Anschauung...<< ...

...so streicht es mir urplötzlich, urflüsternd durch den Sinn. So inspiriert es vom einen in den anderen Moment reißend meine unbeholfene, stockend-atmende Seele. Doch so hilflos stehe ich noch da, >>Ich<< in >>Ichs<< denkend, Weltlichkeit subsumierend, vorgeformte Wirklichkeiten ableitend und in Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünften messend. So determiniert von >>Zeit<< und >>Wahrheit<<. Meine eigene Befangenheit versperrt sich in verzeitigten Erscheinungen, weltlich positivierten Wirklichkeiten, deren Ursprung und Eigentümlichkeit in der Geistlosigkeit der Welt liegt. Wir verschieben in einem endlosen Teufelskreis Bedeutungszuschreibungen auf der weltlichen Oberfläche der Erscheinungen, deren Gesetzmäßigkeit außerhalb von ihr liegt. Der Mensch scheint sich letztlich immer aufs Neue lediglich seine materielle Weltlichkeit nahezulegen. Sich als tiefere, geistige Existenz begreift und erlebt er nur in Ausnahmefällen oder zufälligen Träumen.

Ich fühle diesen Gedanken nur, begreife ihn aber weniger als Abbild meines von der Welt distanzierten, erkennenden Ichs, denn als Zenit der Verschmelzung meines unentwickelten, jedoch sehnsüchtigen Ichs mit jener schein-entwickelten, ahnungslosen Menschheit. Ich erkenne nur unausgesprochene Unkenntnis.

Ich setze vorsichtig wieder einen Fuß vor den nächsten. Der Wind fängt heftiger zu rauschen an und knistert in einem bebenden, elektrisierenden Geheule.

>>Höre<< ..

.. so schlägt erneut die unmögliche Stimme verrissen in meinem unmöglichen Herzen ein, alle Wände durchbrechend. Mir, der ich mich nur Weltlichkeit zu hören können meine, zwängt sich eine Frage auf: Was höre ich schon außer unentfliehbarer, sinnvermessender Weltlichkeit und Gesellschaftlichkeit? Und während ich mich dies also frage, wird da meine vertrocknete und brache Ahnungslosigkeit hemmungslos über- und umschwemmt in einer geistigen Überflutung, meine in stumpfester Mutlosigkeit zu Staub zerfallene Ahnungslosigkeit als Ahnung neu erträumt, neu erdacht.
Und doch bleibe ich der, der ich war: Als der, der immer nur Zeit fühlte und in dieser immer nur als Unwahrheit verfangen befangen wandelte...
...darum hörte ich auch nie was Verstehen zu können ich mich so lange anzunähern meinte.

>>Sehe<< ...

...so dringt es durch mein Ohr. Nicht aber Sprache dringt in mein Herz. Alleine der Blick des Windes bedingt diese unendliche Integrität des Moments, mir den Inhalt in die Seele stechend.
All die Farben, Kontraste, Realitätsverrisse um mich herum scheinen zu zerrinnen und in- bzw. auseinanderzufließen. Oder ist es mein Körper, der schmilzt? Meine Augen beschlagen sich und versuchen durch benommenes, träges Blinzeln der Ergrauung der Welt umsonst Vorschub zu leisten. 

>>Taste<< ...

...und während mir dieses Wort durch Kopf und Herz strömt, stellt sich mir zum ersten Mal die Möglichkeit in den Sinn, dass die Gegenstände, die ich ertaste, sich im selben Moment des Ertastens in Scheinbarkeit und sinnlicher Endgültigkeit aufspalten. Obwohl der vermeintlich Offenbarste und Endgültigste aller Sinne, so ist der Tastsinn doch eigentlich die größte Mystifikation von allen. Ich schmecke, trage, berühre... und ertaste dabei doch immer nur eine Oberflächenwirkung. Eine Kette von widersprüchlichen, verrätselten Reaktionen kulminieren in einem ertastbaren endlichen Schein und ich - manipulierter, versinnlichter Mensch - bezeichne ausschließlich die allerletzte Wirkung als Wahrheit. Geistig verrohe ich in dieser dogmatisch als berechen- und bestimmbar erklärten Welt der Oberflächenerscheinungen. In der Propaganda der reduktionistischen Naturwissenschaften spielten und spielen Fragen nach dem Zusammenhang von Wesen und Erscheinung nie eine Rolle. Die Naturwissenschaften die ewig tasten, doch kein einziges Mal gefühlt oder auch nur einmal annähernd verstanden hätten. Umso mehr ich vor der Welt in die Welt hinein flüchte, umso tiefer versinke ich in verzerrter Oberflächlichkeit.


Ich betrete nun den Wald. Blätter zu meinen Füßen. Erst die Felder, nun die mich umgebenden Bäume mit den umhergleitenden, dem Boden entgegenstreichenden, -wiegenden Blättern ... vorallem aber die Stimme des Windes ... sie vermitteln mir ein Bild von Prozesshaftigkeit und Unendlichkeit. Sie mahnen und ermutigen mich keine Angst vor dem Träumen zu haben ... das Paradoxe in mir zuzulassen, mehr von meinem unwahren wahren Ich zu leben ... die Wirkung und das Ausmaß des Unverstandenen in ihrer Blüte passieren zu lassen ... dadurch mehr an mir selbst zu leiden.
Und ich frage mich im selben Moment, in erneuerter Übereinkunft mit mir selbst: Was habe ich zu verlieren, sollte ich versuchen, ein wenig wahrhafter, also in träumender Anschauung, zu leben? Dieses Träumen ist mir allerdings kein Bewusstsein, es ist mehr eine bruchstückhafte, hauchende Ahnung von Mehr als dem mir bewusst sein kann, einer entfernten, verschleierten Über-Wirklichkeit.
Ich gebe mich nicht der Illusion hin, Wahrheit in ihrer Vollständigkeit finden zu können ... aber ich könnte zumindest anfangen diese sich ständig erneut selbst überschreibende, selbst überwältigende und überfordernde Weltlichkeit als das zu benennen was sie ist: Unwahr. Und ich könnte als bewusstes Unwahres weitere Funken von Wahrheit suchen und einsammeln.

Mein Sein füllt sich wieder mit Bewusstsein. Bewusstsein über mich und diese Welt. Doch die Überzeugung neben Weltlichkeit auch Wahrheit zu sein, die ich vor kurzem noch so wohlfeil vertrat, erfuhr eine empfindliche Erschütterung. Was bedeutet Bewusstsein in diesem Zusammenhang also mehr, als der Eindruck der Existenz einer Innerlichkeit und einer Äußerlichkeit, deren Zusammenhang verschleiert und mystifiziert wurde. Bewusstsein, in welchem die innere Wirklichkeit durch äußere, gesellschaftlich sanktionierte Erscheinungen überdeterminiert wird, und nicht mehr auf sich selbst gerichtet sein kann, ist notwendig verkehrtes Bewusstsein. Mir widerstrebt es, doch gerade aufgrund dieser Feststellung muss ich einsehen, unweigerlich selbst auch Produkt meiner Umgebung, dieser Welt zu sein. Ich glaubte so viel zu wissen, doch was war davon wirklich Erkenntnis? So ging doch dieser Schein-Erkenntnis immer ein notwendig verkehrtes Bewusstsein voraus.
So wohlfeil zog ich immerzu den Schluss.
Nun aber zieht er mich.
Und aus dem mich ziehenden Schluss ziehe ich nun einen neuen Schluss:
Den der Erkenntnis einer träumenden, sehnsüchtigen Ahnung in mir, die immer nur ausgerichtet auf ein wahres Leben war und ist. Eine Erkenntnis die nach innen, und nicht mehr nach außen gerichtet und in Zusammenhang mit meiner subjektiven Anschauung gesetzt ist. Doch diese Ahnung ist ein kaum auszumachender Impuls tief in mir, und es bedarf viel aufzuleiden, um ihn herausschlagen zu lassen.

Es bedarf viel des wahnsinnigen, einsamen Träumens.


Sonntag, 2. März 2014

Die Leere oder der Blick der Sonne als das Einzigwirkliche, das zu mir gehört

Das könnte sein: Myriaden von Partikeln, die >>Ich<< ausmachen, und zugleich scheint es, als wäre >>Ich<< ein Nichts, die Hypostasierung einer reinen Form, irgendetwas wie eine geträumte Substanz, etwas, das eine geträumte Identität bezeichnet, eine Chiffre für etwas, das zu dechiffrieren mehr Mühe macht als die geheimste Order. (…) Ich meine, dass es da viele >>Ich<< gibt und über >>Ich<< keine Einigung – als sollte es keine Einigung geben über den Menschen, sondern nur immer neue Entwürfe.“ - Ingeborg Bachmann


Eines Weltenabends strebten die raumfüllenden und zeiterzeugenden Blicke der Sonne scharf umher. Und sie träumte vor sich hin, wehmütige Augen durchdrangen stille Welten, erschlossen die schleichende Finsternis zwischen ihnen, fühlten jede sternenhafte Unebenheit in ihr. Und die löchrigen, schwimmenden Wolken einer auffällig leisen, blassen, müden Welt tränkte sie an jenem Abend mit ihren durchdringenden, glühenden Blicken besonders rötlich.


Unerwartet in den raumfüllenden Blick sich hineinsetzend entspringt in jener leisen Welt eines unscheinbaren Momentes neues Sein. Menschliches Sein. Es öffnet die Augen und ist sinn- zeit- raumüberflutend -einnehmend, -durchdringend. Allmählich aus dem Staub sich erhebend manifestiert sich jenes Sein zunehmend und verwirklicht sich durch Schritt um Schritt, Fuß vor Fuß. Und da sich im Geiste, in den Gedanken jenes Seins alles Wahrnehmbare wiederspiegelt, erhält auch die Wirklichkeit neues, abstraktes Leben in der Sprache. Alles wird neu - was da schon immer still da lag wird zum messbaren, erdenkbaren „Raum“, was da schon immer verging wird sukzessive, alles hinter sich lassende „Zeit“. Wirklichkeit wird auf einmal zur formbaren, sprechbaren Materie, obwohl ihre tiefste und durchdringendste Eigenschaft doch das Formlose ist.


Und wie der eine Fuß vor den anderen, so schreitet die eine Sekunde vor die andere, der eine Raum vor den anderen.


Und alles verläuft und zerrinnt in immer neuen Momenten.


Und in immer neuen Momenten schmiegt es sich an den Menschen und seufzt ihm unermüdlich und betrübt ins Ohr, ein flüsternder Schleier, eine knisternde Luft - der zerronnene Blick der Sonne, ihn besorgt betrachtend und dabei so viel mehr, als er sie, atmend.


Unbedacht, unbeachtet der besorgten Beobachtung erfindet dieses neue, sprechende Sein da eines Moments in berauschtem Wahn den undurchdringbarsten, Realität entferntesten aller Ausdrücke: „Ich“. Obwohl von Anfang an das unnahbarste aller Wörter, wird es alle Ambivalenz durchströmend zum gebräuchlichsten, sehnsüchtigsten Ausdruck. Das „Ich“ als Droge, zum notwendigsten denn einzig zugänglichen Spiegel des verlorenen Ichs. „Ich“, „Ich“, „Ich“, immer tiefer spricht es sich in wirklichkeitsentfernte Scheinwelten. Und von einem auf den anderen zerrinnenden Moment errichtet sich jene Scheinwelt durch die Hand des „Ichs“ zu wirklichkeitsnormierender Fassade, zur Unterdrückung des eigentlichen, verblassenden Wesens des menschlichen Seins.


Und unaufhaltsam fließen sie weiter ineinander, durcheinander, nacheinander – entleerte, andauernde und doch in sich vergängliche Momente.


Von dem einen auf den anderen ungeahnten Moment aber -völlig gleichgültig ob nun jener Moment gewesen oder seiend oder werdend-, und obwohl kurz zuvor noch wild einen Fuß vor den nächsten setzend, beruhigt dieses neue, alte, jedenfalls verlorene und orientierungslose Ich den Schritt. Denn durchdringend und durchbrechend nimmt es nun in einer leeren und traumlosen Stille, wider aller Sinne, den glühenden Blick der Sonne wahr, vernimmt ihr knisterndes Flüstern und wagt sich nun nicht mehr zu rühren, erstarrt, verliert den Boden unter den Füßen, fällt, lauscht dabei nur noch angestrengt. Und der knisternde Blick keucht, nachdem er dem zuvor besinnungslos Rennenden schon eine lange Strecke hinterher gerannt war, heiser und angestrengt, bäumt sich auf, wird zum bebenden Wind, fasst dem sich nunmehr zusammenkauernd Fürchtenden streng an der Schulter und haucht ihm eindringlich unendliche Gefühle ins Ohr. Verrissen stehen sie sich nun im Geist jenes gegenüber, einerseits Fragmente selbst konstruierter Abbilder, künstlicher Gedanken, andererseits Gefühle einer vom Blick der Sonne eingehauchten höheren Wirklichkeit, die nur in Gefühlen, genauso unendlich und unfassbar wie sie selbst, ihren Kern dem menschlichen Leben zugänglich machen kann.


Sie muss erst erworben werden, die Erkenntnis der Unwissenheit.
Es gibt eine Überwirklichkeit. Es gibt sie, die Blicke der Sonne. Und sie sind unbeeinflussbar und unveränderlich. Und verstehen tut sie nur das Herz.
Demütig senkt sich das Haupt.
Das Nichts rauscht an allen Seiten hinauf, das plumpe Ich hinab.
Der Blick schweift von den Füßen zu den Händen.
Und sich zunehmend mit stockendem Atem betrachtend sinniert jenes nun in der stoischen Feststellung, selbst nur erträumte Substanz zu sein.





„Wieder einmal das bekannte Gefühl: fliegen zu müssen, auf der Brüstung eines Fensters zu stehen (in einem brennenden Haus?) und keinerlei Rettung zu haben, wenn nicht durch plötzliches Fliegen-Können. Dabei die Gewissheit: Es hilft gar nichts, sich auf die Straße zu stürzen, Selbstmord ist Illusion. Das bedeutet: fliegen zu müssen im Vertrauen, dass eben die Leere mich trage, also Sprung ohne Flügel, einfach Sprung in die Nichtigkeit, in ein nie gelebtes Leben, in die Schuld durch Versäumnis, in die Leere als das Einzigwirkliche, was zu mir gehört, was mich tragen kann…“ – Max Frisch


Dienstag, 25. Juni 2013

1. Blogeintrag: Ausdruck eines Geistes

Zweierlei sei hier kurz erwähnt: Dieser Text zeichnet sich nicht durch wissenschaftliche Objektivität, sondern durch gefühlsbetonte Subjektivität aus. Für weitere Blogeinträge sei dies hiermit -vermutlich- auch gleich vorweggenommen. Es wird die geben, die das Bild in meinen Wörtern nicht sehen oder nachvollziehen können. Dieser kleine Aufsatz ist für Menschen, die vielleicht ähnliche Gedanken haben und sich in meinen Wörtern teilweise wiederfinden. Reaktionen, Kritiken sind jedenfalls sehr gewollt.



Es gibt diese Situationen in meinem Leben, die sich zu Momenten der Reflexion oder des „Sich selbst Überdenkens“ entwickeln wollen oder sollen, sich letzten Endes jedoch meistens nur wie ein Gefängnis ohne Zeit und Raum anfühlen. Dieses Feststecken ist dann oft ein befremdendes Resignieren in unbestimmter Erwartung. Doch meine Erwartung scheint heute in ihrer Anstoßsuche, Ausdruckssuche kochender Gedanken so etwas wie eine Idee oder Inspiration erfahren zu haben.
Ich sehe verschwommen ein Bild einer Person. Eines Hauchs einer Person. Mich an jemanden erinnernd und doch so fremd. Unbeirrbar bahnt sie sich einen Weg durch diesen Wellengang Moralgrenzen verschlingender Ströme; verzehrender, unruhiger Wasserläufe eines unkontrollierbaren, ausufernden Systems. Der peitschende Sturm scheint keinen Einfluss auf sie zu nehmen. Dieser Schatten wirkt nicht mal angestrengt, besorgt, beunruhigt. Trotz der Drohung gefressen zu werden. Gefressen zu werden von einem alles normierenden, zwingenden Schema. Eines kollektiven, als idealistisch postulierten Gedankenkonstrukts, nach dem gewisse Kompromisse des Individuums auf jeden Fall eingegangen werden sollten. Doch diese „Person“, diese anthropomorphistische Brechung von Augenscheinlichem und Traum, lässt sich darauf nicht ein. Der Sturm bezwingt sie nicht. Erstaunen fesselt meine Gedanken, meine Aufmerksamkeit. Ich schmelze in Unwissenheit. Wasser dringt von überall ein, umhüllt meinen Geist, berauscht meinen Sinn. Eine eiskalte Hand umfasst mein Herz. Nur noch meine Hand ragt aus dem dampfenden Gewässer heraus. Ich sinke jedoch nicht. Sondern treibe nur in diesem wunderlichen, unendlichen Moment. Mein Geist verzehrt sich in scheinbarer Agonie, reißt sich jedoch in Wirklichkeit nur um ein Ausbrechen aus dieser eingefrorenen Zeitlosigkeit. Eben nicht Spirale, eben schon gar nicht gerade Strecke, sondern eben Kreis. Schwimme schneller, immer schneller in deinem Käfig. Schatten, flammender Spiegel meiner selbst, du Perspektive des Wissenden, läufst entschlossen, blickst gerade aus. Weißt. Zweifelst nicht. Mein Herz erstickt der Gedanke an dich. Für ein Sein in unmittelbarer Gegenwart der Wellen und doch, so wie du, weit außerhalb von ihnen.
Wellen. Was habt ihr so zwingendes an euch? Was ist es, das den Einzelnen so einschränkt in seinem Horizont, in seinem Potential; so unter Wasser drückt? So aggressiv und doch so subdominant, so unauffällig. Stäubend und alles zerbrechend in eurer tatsächlichen Kraft, überschwemmt ihr den Einzelnen doch schleichend mit Substanzlosigkeit, Antriebslosigkeit, Orientierungsverlust. Das Meer ist voll mit untergegangen, leeren Identitäten. Manchmal zappeln sie, die kalten Körper am Meeresgrund, in plötzlichen Anwandlungen doch nicht am Grund weiter herum treiben zu wollen. Doch, meinen Blick erhellend, erfasse ich plötzlich auch andere Silhouetten, wild nach der Wasseroberfläche ringend. Manche, trotz aller Bemühung zu entfliehen, ebenfalls im Raum feststeckend, weder sinkend noch steigend. Andere, resignierend, sinkend. Und dann wieder andere, ich mag um ihre Existenz beinahe überrascht gewesen sein, steigend. Der Wasseroberfläche entgegenkommend.
Bist es tatsächlich nur du? Du, der dafür verantwortlich ist, in dieser Situation zu stecken? So heißt es doch immer zu: „Das Einzige, das zwischen dir und deinem Glück steht, bist du selbst.“ Handelt es sich also nun tatsächlich nur um subjektive Gedankensämlinge, aus denen all der Zweifel und in Folge all die nicht vollbrachten Taten, oder die Unzufriedenheit über vollbrachte Taten sprießen? Die Welle, der Sturm selbst ist schließlich nicht aggressiv. Sie umfassen zwar schleichend deine gesamte subjektive Welt, doch stellt sich dir eigentlich niemand aktiv in den Weg. Was ist es also nun, dass diese Ohnmacht verursacht? Diese Stagnation? Alles in allem ist es wohl vor allem die Unzufriedenheit darüber zu sein. Zu sein im Kontext der tiefen, schwarzen Abgründigkeit blanker Unwissenheit und folglich Befangenheit, welche die Stagnation, das „Treiben im wunderlichen, unendlichen Moment und eingefrorener Zeitlosigkeit“ verursacht.
Und wieder reißt es sich los aus aller vermeintlichen Kontrolle, der Seufzer des bedrängten Wesens im Angesicht seines unerreichbaren Schattens. Doch genug davon. Genug von dieser selbst mystifizierten, auf dem Wasser wandelnden Idealisierung einer Person die nicht existiert. Nichts als ein Bild, nichts als Verblendung. Wir berauben uns selbst unserer Substanz. Sind es letzten Endes nicht wir selbst, die wir uns hoffnungslos überschwemmen mit Erwartungen? Erdrückende Erwartungen an sich selbst, bebend und wachsend durch vernebelte Gedanken, verblendet durch ein Trugbild, eine alternative Möglichkeit in diese Welt hinauszugehen – Möglichkeit, da doch zu einem gewissen Grad sein potentielles Ich in diesem Schatten wiederfindend.
Dieses Gefühl der Unvollständigkeit wächst auch zu einem gewissen Grad aus einem anachronistischen Verständnis oder Zusammenspiel von Körper und Geist. Mein Körper ist Wirt eines Geistes der sich selbst dieser Zeit einfach nicht zuordnen kann. Ich als Wirt handle und rede, wie es der Zeitgerechtigkeit heutzutage zu entsprechen scheint. Geistlos. Zumindest fühle ich mich oft so. Als ob sich mein Geist dieser Zeit, dieser Welt verweigern wolle. Als müsste ich zunehmend meiner eigenen Lebendigkeit nachjagen.
Eine scheinbar nicht zu bewältigende Aufgabe, so erscheint er mir, dieser einzige Weg raus aus dem Sumpf des bedrängten, empfindlichen Ich Seins. Dieser Pfad, der weg führt von einem selbst, weg von aller Empfindlichkeit und Abhängigkeit, und damit auch aller Enttäuschung. Entkontextualisiert aus allem Zwiespalt, allem inneren Wesen und äußerer Welt. Es sind zwei getrennte Welten. Zwei für sich potentiell funktionierende Systeme, in ihrer wirkungsvollsten Vollständigkeit entrissen aus aller Interaktion. In einer Welt, von Menschenhand geformt für die geistlose Substanz, scheint der irrelevante Einsatz für das bare Sein, das empfindliche Wesen nur umso enger an die, einen enttäuschende Welt zu ketten.

Wo also, wenn nicht auf der Straße auffindbar, ist der Weg heraus zu finden? Bei Gott? Eine Antwortsuche ist jedem selbst überlassen.